Donnerstag, 14. Juli 2011

Die Musikgeneration der Musikdegenerierten

Ich bin ein sehr musikbegeisterter Mensch. Schon früh konnte mich die Stimmung und die Energie eines Liedes mitreißen und mich die wahnwitzigstes Dinge tun lassen, nur, weil ich durch die Musik in eine Stimmung kam, in der ich viele Dinge für eine gute Idee hielt. Heute, einige Jahre und viele Verletzungen später, haben sich auf meiner Haut zwar allerlei Narben gebildet, aber sie haben keinen bleibenden Eindruck auf mein Verhalten hinterlassen. Pavlov wäre erstaunt über so viel Resistenz gegenüber einer schmerzinduzierenden Reizkonditionierung. Pavlov war allerdings auch nie in einer Moshpit eines KoRnkonzerts und hat Hunde mit Glocken genervt. Da finde ich mein Hobby weitaus interessanter.
Wo wir gerade jedoch bei schmerzinduzierender Reizkonditionierung angelangt sind, muss ich sagen, dass ich sie durchaus bei so manchen Menschen begrüßen würde. Hauptsächlich, damit sie mal geschlagen werden, aber der Lerneffekt ist ja durchaus ein reizender Kollateralschaden. Es ist diese Generation mp3, die nicht mehr weiß, was es heißt, Musik aufgrund ihrer Qualität statt ihrer Quantität zu schätzen. Generationen und das mp3-Dateiformat sind per sé ja eigentlich gute Sachen, in Verbindung sind sie aber, so muss ich feststellen, in ihrer Mehrheit unbefriedigend anspruchs- und ergo geschmacklos.
Ein kleines Experiment zur Verdeutlichung für diejenigen, die mir vielleicht folgen können. Angenommen, ihr besitzt ein Album aud CD, DVD oder als hochqualitätive Audiodateien wie OGG Vorbis mit hoher kbps-Rate. Weiter angenommen, ihr kennt wenigstens eines der darauf enthaltenen Stücke derart gut, dass ihr jeden einzelnen, kleinen Ton und jede Nuance bewusst wahrnehmt. Geht nun auf YouTube und sucht nach diesem Lied. Vermutlich werdet ihr eine befriedigend große Anzahl an Treffern erzielen, mit denen wir arbeiten können. Klickt nun auf ein beliebiges Video. In mehr als 80% der Fälle werdet ihr lediglich eine Videoqualität von 240p bis 360p für euren ausgewählten Titel erhalten. Beim Hören werdet ihr euch wundern, ob eure Lautsprecher einer Fehlfunktion unterliegen, eure Audioeinstellungen überprüfen oder gar überreagieren und eine neue Soundkarte für viel Geld installieren. Bis euch dann klar wird, dass es nicht an eurem Gehör oder Equipment mangelt, sondern an Qualität. Warum ist das? Eine ausgezeichnete Frage!
Die meisten Leute leben in der Annahme, dass mp3 immer mp3 ist. Grundlegend richtig, im Detail aber vollkommen falsch. Ein Mensch ist zwar immer ein Mensch, aber mit der Unterscheidung zwischen Mann und Frau geht es dann schon los, von schön und missgeboren als weiteren Attributen wollen wir hier der Einfachheit Abstand nehmen. Bei mp3s verhält es sich ähnlich. Während man manche Menschen mit den Adjektiven schön oder attraktiv versehen kann, möchte man sich bei anderen mit einer dieser praktischen Brechtüten aus Flugzeügen versehen; nur für den Fall, dass man zu lange hinschaut. Worauf ich hinaus will ist, wie zu vermuten, die Qualität der Ware. Der Teufel liegt bekanntlich im Detail und während bei den meisten Menschen leider nur das Nötigste getan wurde, um sie als Teil unserer Spezies zu klassifizieren, hat man sich bei anderen viel Mühe gegeben, sie bis ins Detail zu optimieren, um den Genuss ihrer Gegenwart zu erhöhen. Weiterhin muss festgestellt werden, dass es in den meisten Fällen bei der Reproduktion auf Geschwindigkeit und Quantität angelegt wurde, anstatt Zeit in ein begehrenswertes Exemplar zu investieren. Schlechte mp3s sind so gesehen die Pfingstgemeinschaft der Audiodateien. Schnell heiraten, viel produzieren.
Die meisten Benutzer denken nicht. Das wollen sie auch nicht. Sie überlassen es den Konvertierungsprogrammen, die Einstellungen vorzunehmen. Und diese sind in den meisten Fälle mit dem folgenden Adjektiv gekennzeichnet: schnell. Das Problem dabei ist, dass zugunsten der Geschwindigkeit die Qualität leiden muss. Im Falle von Musik wird dann ein großer Teil der Klangweite einfach wegkomprimiert. Puff, adios, auf nimmer Wiedersehen, weg. Und was nicht da ist, kann man selbstverständlich auch nicht hören. Diese verstümmelten Varianten von einstmals sicher tollen Liedern werden nun zuhauf im Internet hochgeladen und dort dann kaum gehört, weil sie, lasst es mich drastisch sagen, so klingen, wie Scheiße riecht und aussieht.
Dadurch erklärt sich die neuerdings große Beliebheit einfacher, um nicht zu sagen oft tumber, Musik. Namentlich die der Milieus elektronischer und/oder rap-basierter Musik. Ein sich monoton wiederholender Bass im 4/4-Takt und eingestreute Störgeräusche. Das ist simpel, eingängig und kann kaum verstümmelt werden. Die Kakerlake unter der Musik sozusagen.
Die musikalisch und handwerklich in der Masse anspruchsvoller zu kreierende Musik leidet darunter jedoch erheblich. Vergleichsweise könnte man einem Automobil zwei Räder abmontieren und die ersten vier Gänge blockieren, um es anschließend zu Vergleichszwecken neben ein Fahrrad zu stellen. Ursprünglich für vollkommen unterschiedliche Zwecke konzipiert ist das Fahrrad nun in jeder Hinsicht überlegen, ausgenommen vielleicht dem des Witterungsschutzes.
Würde Musik jedoch immer in bester Qualität geliefert, indem die dafür adäquate Zeit investiert worden wäre, (bei mp3-Dateien maximal 20 Sekunden längere Komprimierungszeit pro Song), fiele dieser Status Quo jedoch wohl recht rasch in sich zusammen.
Ganze Fangemeinden mit riesigen Anhängerzahlen entstanden meiner Ansicht nach allein deshalb, weil sie zu dumm waren, die Musik in angemessener Qualität zu hören und sich deshalb dem hingaben, was unter schlechter Qualität ohnehin nicht mehr leiden kann. Weswegen ich überall mit unsäglichem Scheißdreck in Kneipen gequält werde.

tl;dr: Komprimiert eure Musik nicht zu Tode und besorgt sie euch in anständiger Qualität, for the love of gawd.

1 Kommentar:

  1. Da stimme ich dir mal zu. Kotzt einfach an, wie die ekligen Störgeräusche sich in meine Ohren fressen und ich mit schmerzverzerrtem Gesicht versuche das Fenster zu schließen... Gott erbarme dich und erlöse uns von diesen Dämonen. Amen.

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